AUS DEM LANDESVORSTAND

25 Jahre Berufskolleg: Kaufmännische Berufskollegs – starke Garanten der Fachkräftesicherung

Seit 25 Jahren spielen die Berufskollegs in Nordrhein-Westfalen eine zentrale Rolle als schulischer Partner in der dualen Berufsausbildung, die ein weltweit anerkannter Garant für eine Fachkräftesicherung ist. So bereiten die Berufskollegs mit ihren dualen Fachklassen intensiv auf die spätere berufliche Tätigkeit und erfolgreich auf die Abschlussprüfungen der Kammern vor.

Die rund 360 öffentlichen und privaten Berufskollegs beschulen mit rund 28.000 Lehrkräften über 500.000 Schülerinnen und Schüler in Nordrhein Westfalen.

Den signifikanten Beitrag der Berufskollegs zur Fachkräftesicherung belegt die seit dem 24.06.2022 vielfach zitierte Studie „Die Rolle des Berufskollegs im nordrhein-westfälischen Bildungssystem“ (vgl.: https://www.schulministerium.nrw/system/files/media/document/file/rolle_berufskolleg_bildungssystem_nrw_220524.pdf am 12.06.2024).

Heterogene Schülerschaft (vgl. a. a. O., S. 8)
Heterogene Schülerschaft (vgl. a. a. O., S. 8)

In Anlehnung an den seit 2006 im Zweijahresturnus erscheinenden Nationalen Bildungsbericht legen die Verfasser die folgenden Zieldimensionen als Kriterien zur Einschätzung des aktuellen und zukünftigen Leistungspotenzials von Berufskollegs zugrunde:

  • ökonomische Leistungsfähigkeit, d. h. Sicherung des Bedarfs an qualifizierten Fachkräften,
  • individuelle Persönlichkeitsentwicklung, d. h. vielfältige Vermittlung beruflicher und gesellschaftlicher Handlungskompetenzen entsprechend den jeweiligen Bildungsvoraussetzungen in den geeigneten und abgestimmt durchlässigen Bildungsgängen, sowie
  • soziale Integration, d h. Ermöglichung entsprechender Zugangs-, Teilhabe- und Realisierungschancen für die nachwachsende Generation, unabhängig von sozialer Herkunft, Geschlecht oder ethnischer Zugehörigkeit.

Wie die mittelständischen Unternehmen sind die Berufs-kollegs bei ihren Bildungsangeboten darauf angewiesen und darin versiert, mit Schulträgern, Schulaufsicht, Kam-mern, den Ausbildungsbetrieben und anderen Partnern flexibel, marktorientiert und abgestimmt zu handeln.

Als Mikrokosmen bilden Berufskollegs nicht nur ein Spiegelbild der Gesellschaft, sondern oft auch eine zweite Chance für diejenigen, die nicht den geraden Bildungsweg zu einem Schulabschluss beschritten haben. Gerade diese Vielfalt an Perspektiven ermöglicht z. B. jungen Geflüchteten  klare beruflich orientierte Laufbahnen, die berufliche Kompetenzen und einen höheren Schulabschluss vermitteln können. Dies beweist auch im dritten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts die enorme Bedeutung des Rechtsrahmens der sich seit 25 Jahren weiterentwickelnden Ausbildungs- und Prüfungsordnung Berufskolleg (APO-BK).

Berufskollegs mit einem enormen Leistungs­spektrum und vielen Leistungspotenzialen

Daher verwundert es auch nicht, dass in der Bewertung die Verfasser der mehrfach zitierten Studie im Kapitel 4 eindeutig zu dem Ergebnis kommen, dass die Berufskollegs das Dach für derzeit 16 Bildungswege in den vier Sektoren des Berufsbildungssystems und mit ca. 31 % in NRW die Schulform der Sekundarstufe II mit den meisten Schülerinnen und Schülern sind.

Zu den Stärken der Berufskollegs gehören insbesondere:

  • differenzierte, regional angepasste und flexible Bildungsangebote in einer Bildungsregion zur Vorbereitung auf Berufsausbildung, berufliche Tätigkeit, Studium und/oder Weiterqualifizierung,
  • kompetenzorientierte Vermittlung mit einer engen Verzahnung von allgemeiner und beruflicher Bildung, z. B. beim Erwerb von Bildungsabschlüssen (80 % aller Fachhochschulreifen in NRW werden am Berufskolleg erworben – vgl. Grafik in Abb. 3), bis hin zur Verzahnung von beruflicher und akademischer Bildung im Rahmen der FHR-Doppelqualifizierung, dualer Studiengänge bzw. einer studienintegrierenden Ausbildung wie des neuartigen Konzepts SiA-NRW, das den parallelen Erwerb eines Bachelors ermöglicht,
  • stabile Säule zu sein in der Stärkung der dualen Berufsausbildung mit vielfältigen und passgenauen Förder- und Forderangeboten für Auszubildende von Deutsch als Zielsprache (DSD-Zertifikat), KMK-Fremdsprachenzertifikat, IT-Zusatzqualifikationen oder berufsspezifischen Zusatzqualifikationen, wie z. B. Asienkauffrau/-mann und Handelsassistent/-in,
  • intensive Vernetzung zu den Zubringerschulen der Sekundarstufen 1 und 2 sowie zu Ausbildungsbetrieben, Hochschulen sowie Arbeitgebern und
  • flexible Anpassung der Bildungsangebote an den regionalen Arbeits- und Ausbildungsmarkt, z. B. durch die kurzfristige Einrichtung oder Veränderung von Klassen und/oder Bildungsgängen, Angebote vollzeitschulischer Ausbildungen bei auftretenden Engpässen auf dem Ausbildungsstellenmarkt oder Angebote zur Beschulung bei starker Zuwanderung seit 2015/16.
Status quo und Leistungsspektrum (vgl. a. a. O., S. 8)
Status quo und Leistungsspektrum (vgl. a. a. O., S. 8)

Kaufmännische Berufskollegs als Beispiele für Motoren zur Fach- und Führungskräftesicherung

Nach dem Auslaufen des Schulversuchs Kollegschule hat die neue Verordnung über die Ausbildung und Prüfung in den Bildungsgängen des Berufskollegs (Ausbildungs- und Prüfungsordnung für Berufskollegs/APO-BK) 1998 den Rechtsrahmen für diese erfolgreiche Verknüpfung von allgemeiner und beruflicher Bildung gelegt. Deswegen muss die Rolle der Berufskollegs als erfolgreiche Bildungsakteure und Lernortpartner nicht nur in der dualen Ausbildung, sondern auch als Systemanbieter dauerhaft gestärkt werden.

Die steigenden Qualifikationsanforderungen auch in vielen kaufmännischen Ausbildungsberufen erfordern häufig nicht nur höhere Bildungsabschlüsse wie die Fachhochschulreife, sondern auch erste berufliche Kenntnisse. So bieten u. a. kaufmännische Berufskollegs über ihre Berufsfachschulen, wie z. B. die Höhere Handelsschule, auch Schulabgängerinnen und -abgängern ohne Qualifikationsvermerk vielfache Perspektiven, um auch anspruchsvolle kaufmännische Ausbildungsberufe wie z. B. den der Kaufleute für Großhandelsmanagement oder Digitalisierungsmanagement zu absolvieren.

Eine intensive Beratung vor und während der schulischen Ausbildung mit weiteren flankierenden Maßnahmen, wie z. B. einer intensiven Berufs- und Studienorientierung, im Berufskolleg ermöglicht eine hohe Durchlässigkeit und konkrete Anschlussperspektiven an die bisherige Schullaufbahn. Beispielhaft zeigt die Abb. 3 die Vielfalt der Bildungswege in einem kaufmännischen Berufskolleg auf.

Die schulische Realität zeigt auch, dass weiter über 75 % der Schülerinnen und Schüler vieler kaufmännischer Berufskollegs die Fachklassen des dualen Systems besuchen und zuvor in Berufskollegs auf ihre Berufsausbildung vorbereitet worden sind.

Deswegen fordert der vLw, vor Ort durch geeignete Kooperationsmodelle und -netzwerke (wie z. B. Lenkungskreise als Koordinationsgremien) die bestehenden Berufskollegs zu stärken. Darüber hinaus gibt es weitere Gremien, wie z. B. den regionalen Ausbildungskonsens, der mit weiteren relevanten Partnern regionale Abstimmungen von Bildungsangeboten koordinieren kann.

Dazu bieten der derzeitige Rechtsrahmen mit dem Schul­gesetz und der APO-BK in Nordrhein-Westfalen viele gute Möglichkeiten, die von den rund 250 öffentlich-rechtlichen Berufskollegs bereits jetzt intensiv genutzt werden und sicherlich noch ausbaufähig sind.

Zu dieser Zukunftsfähigkeit gehört sicherlich die ab dem 01.08.2024 vorgesehene Option, dass Berufskollegs – auf Grundlage eines der Schulaufsicht angezeigten konkreten pädagogischen und organisatorischen Konzepts – ihren Unterricht als Verknüpfung von Präsenz- und Distanzformen gestalten können. Aus Sicht des vLw ist dies mittelfristig ein weiterer unerlässlicher Beitrag zu einer besseren Vorbereitung der jungen Menschen im Berufskolleg auf deren künftige Lern- und Arbeitswelt.

Das vollzeitschulische Bildungsgangangebot eines kaufmännischen Berufskollegs (www.kaufmannsschule.de am 12.06.2024)
Das vollzeitschulische Bildungsgangangebot eines kaufmännischen Berufskollegs (www.kaufmannsschule.de am 12.06.2024)

Im Mittelstand ist gerade die Größe der Unternehmen mit meist unter 500 Mitarbeitern ein wichtiger Erfolgsfaktor. Diese Stärke von nachfrageorientierter Flexibilität und unbürokratischerer Steuerbarkeit kennzeichnet auch viele unserer Berufskollegs mit oft 70 bis 120 Lehrkräften.

So können die rund 250 öffentlichen Berufskollegs – analog zu den erfolgreichen Nischenanbietern im deutschen Mittelstand und auf Grundlage der sich weiterhin anpassenden APO-BK – als „Hidden Champions“ mit den dualen Partnern auch in den nächsten Jahrzehnten den Fachkräftebedarf in Nordrhein-Westfalen sichern.

 

Hinweis:  Der vollständige Artikel wird in der
Sonderschrift „25 Jahre Berufskolleg“
des MSB im Herbst 2024 veröffentlicht.

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Hilmar von Zedlitz-Neukirch

Landesvorsitzender

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